Antragsteller:in: Entegre e.V.
Projektbezirk: Reinickendorf
Projektzeitraum: 02.03.2026 – 02.11.2026
Förderbetrag: 19.996,90 €
„Empathie in Aktion“ ist ein von Jugendlichen initiiertes und angeleitetes VR-Filmprojekt, das sich an junge Menschen zwischen 16 und 22 Jahren richtet, die in Berlin leben. Die Idee entstand nicht „am Schreibtisch“, sondern aus dem Wunsch von drei ehemaligen Teilnehmenden – Mohammed, Riza und Ali – die selbst Diskriminierung, Rassismus und soziale Ungleichheit erlebt haben und nun ein Projekt starten möchten, das von Jugendlichen für Jugendliche gestaltet wird und bei dem junge Menschen ihre Lebensrealitäten sichtbar machen können.
Die Grundidee ist, mittels Virtual-Reality-Filmen (360°-Perspektive) Szenarien zu erzeugen, die es anderen Jugendlichen ermöglichen, sich in Situationen hineinzuversetzen, die sie selbst vielleicht nie erlebt haben – oder täglich erleben, aber nie besprechen konnten. VR bietet die Möglichkeit, Situationen nicht nur „zu sehen“, sondern aus der Ich-Perspektive zu fühlen. Dadurch entsteht ein emotionaler Zugang, der klassische Workshops oder Präventionsformate oft nicht bieten.
Die Jugendlichen entscheiden selbst, welche Themen sie filmisch umsetzen, wie sie sie darstellen und welche Botschaft vermittelt werden soll. Dabei geht es um Themen, die sie täglich beschäftigen: Rassismus, Sexismus, Belästigung im öffentlichen Raum, Diskriminierung wegen Herkunft oder Religion, antisemitische Angriffe im Alltag, Gewalt in der U-Bahn, Ausgrenzung in Schule oder Beruf. Ein Jugendlicher brachte das Beispiel, dass seine Schwester in der Öffentlichkeit belästigt wurde – und dass er einen Film machen möchte, in dem die Zuschauer:innen „als Frau“ sehen und fühlen, wie bedrohlich und demütigend das sein kann.
Die Jugendlichen übernehmen die Regie, Drehbuchentwicklung, Organisation und technische Umsetzung. Die Projektmitarbeitenden begleiten den Prozess pädagogisch, technisch und organisatorisch, ohne Inhalte vorzuschreiben. Es geht darum, jungen Menschen Verantwortung, Ownership und kreative Kontrolle zu geben und ihnen zuzutrauen, dass sie selbst relevante Inhalte produzieren können.
Das Projekt soll über einen Zeitraum von zwölf Monaten stattfinden. Gedreht wird an Orten, die den Jugendlichen vertraut sind, z. B. Schulen, Aulen, Jugendzentren oder Räumen der Partnerorganisationen. Für die Filmproduktion werden VR-Brillen, 360°-Kameras und Computer zur Bearbeitung benötigt. Es soll sparsam, pragmatisch und selbstproduziert gearbeitet werden, ohne teure Filmstudios oder externe Dienstleistungen.
Im Laufe des Projekts sollen mindestens drei VR-Filme entstehen, die zentrale Erfahrungen und Konflikte junger Menschen darstellen. Die Filme werden anschließend in Workshops und Screenings gezeigt jeweils mit kleinen Gruppen von Jugendlichen, die die Filme mit VR-Brillen anschauen. Danach finden moderierte Diskussionen statt, in denen gemeinsam reflektiert wird:
- Was habe ich gefühlt?
- Was war ungerecht?
- Was hätte anders laufen können?
- Wie hätte ich gehandelt?
- Welche Verantwortung habe ich selbst?
Die Filme dienen als Impuls, nicht als Lösung. Es geht nicht um pädagogische Belehrung, sondern um Selbstreflexion, Empathieentwicklung und Dialog. Die Erfahrung, „in der Haut eines anderen zu stecken“, schafft einen Zugang, den Worte oft nicht erreichen.
Das Projekt soll in Schulen, Jugendzentren und öffentlichen Räumen in Berlin-Mitte und Kreuzberg gezeigt werden. Zum Abschluss werden alle drei Filme in einem größeren Rahmen präsentiert – mit Jugendlichen, Eltern, Fachkräften und Gästen. Dabei geht es nicht um „Kunstbewertung“, sondern um Wertschätzung, Anerkennung und Sichtbarkeit.
Um Teilnahme attraktiv zu gestalten, erhalten Jugendliche kleine Gutscheine für ein VR-Filmstudio in der Leipziger Straße. Das ist nicht nur Belohnung, sondern auch Motivation, neue kulturelle Orte kennenzulernen und Medienerfahrungen weiterzuführen.
Ziele:
- Empathie stärken: Rassismus, Sexismus und Diskriminierung emotional erfahrbar machen.
- Jugendliche empowern: Verantwortung übernehmen, kreativ gestalten und gesellschaftlich Position beziehen.
- Medienkompetenz vermitteln: Film, Regie, Schnitt, digitale Produktion, VR-Technik.
- Soziale Reflexion fördern: Umgang mit konflikthaften Situationen besprechbar machen.
- Teilhabe ermöglichen: Sichtbarkeit, Anerkennung und Dialog schaffen.
- Langfristige Nutzung ermöglichen: Die Filme bleiben erhalten und können regelmäßig gezeigt werden.
Die erwarteten Ergebnisse sind:
- Drei VR-Filme zu relevanten Themen aus der Lebenswelt Jugendlicher
- Mehrere Vorführungen und Diskussionsrunden mit Jugendlichen in Schulen
- Stärkung von Empathie, sozialer Verantwortung und demokratischer Handlungskompetenz
- Neue digitale Kompetenzen bei den beteiligten Jugendlichen
Ein nachhaltiges, wiederverwendbares Bildungsformat „Empathie in Aktion“ basiert auf der Überzeugung, dass Jugendliche nicht nur Zielgruppe, sondern aktive Gestalter von Veränderung sind – wenn man ihnen Vertrauen, Mittel und Räume gibt. Es ist ein Projekt, das ernsthaft, kreativ und zugleich „cool genug“ ist, um Jugendliche zu erreichen.
Jurybegründung:
Die Projektidee kommt von den jungen Menschen selber. Sie gestalten das Format eigenständig, wodurch sehr hohe strukturelle Jugendbeteiligung mit echter Mitentscheidung im Sozialraum stattfindet. Mit innovativen digitalen Tools werden sehr aktuelle Themen bearbeitet und Perspektivwechsel als ganzheitliche Erfahrung ermöglicht.